Wenn man im deutschsprachigen Raum nach Persönlichkeiten sucht, die sich mit besonderer Sorgfalt den tiefen Schichten menschlicher Emotionen widmen, stößt man früher oder später auf Jens Leon Tiedemann. Der Berliner Psychotherapeut, Psychoanalytiker und Körperpsychotherapeut hat über Jahrzehnte hinweg ein Werk geschaffen, das wissenschaftliche Gründlichkeit mit praktischer Empathie verbindet. Seine Forschungen zu Scham, Trauma und unbewussten Beziehungsdynamiken gelten in Fachkreisen als wegweisend. In einer Zeit, in der mentale Gesundheit immer stärker in den öffentlichen Diskurs rückt, bietet sein Denken hilfreiche Orientierungen für Therapeuten, Studierende und interessierte Laien gleichermaßen. Dieser Artikel nimmt sich bewusst Zeit, die verschiedenen Facetten seines Wirkens zu beleuchten – von den biografischen Anfängen über die zentralen Forschungsthemen bis hin zu aktuellen Veröffentlichungen – und zeigt, warum seine Beiträge in der zeitgenössischen Psychoanalyse so geschätzt werden.
Jens Leon Tiedemann steht für eine Haltung, die Theorie und Praxis eng verzahnt. Seine Bücher und Seminare machen komplexe Themen zugänglich, ohne sie zu vereinfachen. Leser und Kollegen schätzen die Klarheit, mit der er Phänomene wie intersubjektive Scham oder unbewusste Inszenierungen im Therapiezimmer beschreibt. Gleichzeitig bleibt er als Person eher zurückhaltend, was seinen Fokus auf die Arbeit unterstreicht. Im Folgenden tauchen wir tiefer ein und erkunden Biografie, Forschung, Praxis und Wirkung in einem Ton, der fachlich fundiert und zugleich gut lesbar bleibt.
Biografie und beruflicher Werdegang
Jens Leon Tiedemann wurde 1967 geboren und studierte Psychologie an der Freien Universität Berlin. Die Entscheidung für dieses Fach legte den Grundstein für eine Laufbahn, die Theorie und Praxis von Anfang an eng verknüpfte. Schon früh interessierte ihn die klinische Psychologie, und die Promotion in diesem Bereich markierte einen wichtigen Meilenstein. Seine Dissertation aus dem Jahr 2006 mit dem Titel „Die intersubjektive Natur der Scham“ setzte sich mit einem damals noch unterschätzten Thema auseinander und wurde rasch zu einem Referenzpunkt in der psychodynamischen Forschung. Die Arbeit zeigt bereits die typische Herangehensweise: Scham wird nicht isoliert als individuelles Gefühl betrachtet, sondern als etwas, das in Beziehungen entsteht und wirken kann.
Nach dem Studium und der Promotion sammelte er praktische Erfahrungen in Suchtkliniken. Diese Jahre prägten sein Verständnis für komplexe Störungsbilder und die Notwendigkeit, körperliche und psychische Aspekte gemeinsam zu betrachten. Er absolvierte Ausbildungen in tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie und erlangte die Approbation sowie eine zweite Fachkunde in analytischer Psychotherapie. Unterschiedliche körperpsychotherapeutische Weiterbildungen ergänzten das Spektrum und öffneten den Blick für die Bedeutung des Körpers im therapeutischen Prozess. Seit über zwanzig Jahren ist er in eigener Praxis in Berlin-Kreuzberg niedergelassen, genauer in der Mittenwalder Straße 47. Dort arbeitet er als psychologischer Psychotherapeut, Psychoanalytiker, Körperpsychotherapeut, Lehranalytiker und Supervisor. Parallel engagiert er sich als Dozent an Ausbildungsinstituten der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie sowie an der Akademie für integrative Traumatherapie.
Der Weg von der Universität über die Klinikarbeit bis zur eigenen Praxis und Lehrtätigkeit wirkt konsequent und durchdacht. Jens Leon Tiedemann hat nie den Kontakt zur aktuellen Forschung verloren und bringt seine klinischen Beobachtungen regelmäßig in Vorträge, Seminare und Workshops ein. National und international hat er zu Themen der zeitgenössischen Psychoanalyse gesprochen. Die Verbindung von Lehr- und Praxistätigkeit sorgt dafür, dass seine Überlegungen immer einen Bezug zur realen therapeutischen Situation behalten. Kollegen beschreiben ihn als jemanden, der Theorie lebendig macht und komplexe Konzepte anschaulich vermittelt, ohne dabei den Menschen hinter den Begriffen aus dem Blick zu verlieren.
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Scham
Ein zentrales Thema im Werk von Jens Leon Tiedemann ist die Scham. Er versteht sie nicht nur als peinliches Gefühl, das man möglichst schnell überwinden möchte, sondern als tiefgreifendes intersubjektives Phänomen. In seiner Dissertation und den späteren Büchern arbeitet er heraus, wie Scham in frühen Beziehungserfahrungen wurzelt und später das Selbstwertgefühl, die Lebensfreude und intime Beziehungen beeinträchtigen kann. Scham entsteht oft dann, wenn das Bedürfnis nach Anerkennung vom Gegenüber versagt wird. Der Blick des Anderen – anerkennend oder verachtend – spielt eine entscheidende Rolle und prägt die innere Landschaft des Menschen nachhaltig.
In dem Buch „Die Scham, das Selbst und der Andere“ aus dem Jahr 2010, erschienen im Psychosozial-Verlag, vertieft er diese Perspektive. Hier geht es um die Psychodynamik und Therapie von Schamkonflikten. Scham durchzieht die therapeutische Situation, erzeugt Widerstand und verstrickt Übertragung und Gegenübertragung. Therapeuten unterschätzen sie manchmal, weil sie stillschweigend hingenommen wird. Tiedemann zeigt, wie wichtig es ist, Scham bewusst wahrzunehmen und behutsam zu bearbeiten. Das Drama von Verbergen und Sich-Zeigen ist primär ein sozialer Vorgang. Scham ist weder allein im Selbst verwurzelt noch nur aus inneren Konflikten entstanden, sondern entsteht im Zwischenraum der Beziehung.
Das 2013 erschienene Buch „Scham“ bietet eine zugängliche Einführung in das Thema. Es skizziert zentrale psychoanalytische Schamkonzepte und stellt ihre klinische Dimension vor. Zahlreiche Beispiele verdeutlichen, wie Schamaffekte und -konflikte in der Behandlung auftauchen. Schamkonflikte belasten Menschen unterschiedlich stark und hemmen grundlegende Lebensbereiche. In der Scham erfährt das Subjekt eine Infragestellung der sozialen Akzeptanz. Gleichzeitig hat Scham eine intersubjektive Dimension, die in der Psychoanalyse zunehmend beachtet wird. Im therapeutischen Prozess ist sie eine Hauptquelle für Widerstand und problematische Übertragungskonstellationen. Die Klarheit, mit der Jens Leon Tiedemann diese Zusammenhänge darstellt, macht das Buch zu einem wertvollen Begleiter für Praktiker.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Verbindung von Scham und Trauma. In einem Beitrag von 2021 beschäftigt sich Tiedemann mit dissoziativer Scham als Folge von Traumatisierungen. Hier fließen Erkenntnisse zur Affektregulierung und Dissoziation ein. Scham kann so überwältigend werden, dass sie dissoziative Prozesse auslöst. Die Arbeit mit solchen Phänomenen erfordert Sensibilität und ein Verständnis für die körperlichen Begleiterscheinungen. Tiedemann integriert Erkenntnisse der Polyvagal-Theorie nach Stephen Porges und betont die Rolle des Körpers in der Psychoanalyse. Körperliche Reaktionen und psychische Prozesse werden gemeinsam betrachtet, was den Behandlungsansatz bereichert und Patienten neue Zugänge zu ihren Erfahrungen eröffnet.
Das Konzept Enactment und seine Bedeutung
Mit dem 2025 erschienenen Buch „Enactment“ setzt Jens Leon Tiedemann einen weiteren wichtigen Akzent. Enactment beschreibt das erneute In-Szene-Setzen früher emotionaler Modellszenen und Beziehungsmuster. Diese haben auf paradoxe Weise biografische Bedeutung für Patient und Therapeut. Der Therapeut wird in einer Weise involviert, die er nicht beabsichtigt hatte. Trotz bester Absichten verfängt er sich in dem relationalen Netz, das er eigentlich erforschen möchte. Das Konzept taucht in nahezu allen zeitgenössischen psychodynamischen Schulen auf, steht aber besonders in der relationalen Psychoanalyse im Zentrum des Interesses.
Tiedemann betrachtet Enactment aus der Perspektive der zeitgenössischen Psychoanalyse und veranschaulicht die klinisch-praktische Relevanz anhand verschiedener Fallbeispiele. Die subtile Interdependenz von Übertragung und Gegenübertragung wird neu gedacht. In der ko-konstruierten Beziehung entsteht etwas, das über die klassische Vorstellung von Wiederholung hinausgeht. Enactments können als relationale Version des Wiederholungszwangs verstanden werden. Sie sind intersubjektive Unausweichlichkeiten und können als gemeinsamer dissoziativer Kokon wirken. Diese Sichtweise hilft Therapeuten, unangenehme Verstrickungen nicht als Scheitern zu erleben, sondern als wertvolle Hinweise auf unformulierte Erfahrungen.
Das Buch greift Vorläufer des Konzepts auf, etwa Sándor Ferenczis „Dialog der Unbewussten“ oder Hans Loewalds Überlegungen zur inszenierten Dimension der Übertragung. Es behandelt auch moderne Ansätze wie die von Stephen A. Mitchell, Philip Bromberg oder Donnel B. Stern. Besonders interessant ist die Verbindung zu Scham: Hier-und-Jetzt-Scham und unformulierte, dissoziierte Erfahrung spielen eine zentrale Rolle. Enactment wird so zu einem Werkzeug, um unbewusste Beziehungsdynamiken zugänglich zu machen und analytisch zu bearbeiten. Jens Leon Tiedemann gelingt es, theoretische Tiefe mit praktischer Anschaulichkeit zu verbinden, was das Buch für die klinische Arbeit besonders wertvoll macht.
Therapeutische Praxis in Berlin
In der Praxis in Berlin-Kreuzberg arbeitet Jens Leon Tiedemann mit einem integrativen Ansatz. Die tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie wird durch körperpsychotherapeutische Elemente ergänzt. Patienten finden einen Raum, in dem psychische Prozesse und körperliche Empfindungen gleichermaßen Beachtung finden. Die langjährige Erfahrung in Suchtkliniken und die Arbeit mit Traumafolgen fließen in die Behandlung ein. Supervision und Lehranalyse gehören ebenfalls zu seinem Angebot und bereichern den klinischen Alltag.
Die Lage der Praxis im lebendigen Bezirk Kreuzberg spiegelt eine gewisse Weltoffenheit wider. Hier treffen Menschen mit unterschiedlichsten Biografien aufeinander, und der geschützte Rahmen der Praxis ermöglicht eine intensive Auseinandersetzung mit inneren Konflikten. Die Arbeit bleibt lebendig und fordert ständige Selbstprüfung. Für Patienten bedeutet das einen Raum, in dem sie sich zeigen können, ohne bewertet zu werden. Für den Therapeuten bedeutet es die Herausforderung, die eigenen Reaktionen und Verstrickungen immer wieder zu reflektieren.
Jens Leon Tiedemann betont immer wieder die Bedeutung von Taktgefühl und Mut in der Schambearbeitung. Therapeuten brauchen beides: die Sensibilität, Scham nicht zu übergehen, und den Mut, sie behutsam anzusprechen. Ein zu frühes oder zu direktes Thematisieren kann die Scham verstärken. Ein Vermeiden lässt das Thema unberührt und damit wirksam. Diese Balance zu finden, gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben der therapeutischen Arbeit und wird in seiner Praxis und Lehre immer wieder reflektiert.
Lehrtätigkeit und Fortbildungen
Als Dozent und Lehranalytiker an mehreren Instituten der DGPT und an der Akademie für integrative Traumatherapie gibt Jens Leon Tiedemann sein Wissen weiter. Fortbildungen zu Affektregulation bei Bindungstrauma oder verwandten Themen zeigen, wie er aktuelle Konzepte wie die Affektregulationstheorie nach Allan Schore in die Praxis übersetzt. Die Veranstaltungen sind oft modular aufgebaut und richten sich an Therapeuten, die ihre Arbeit mit komplexen Traumafolgestörungen vertiefen möchten.
Die Verbindung von Praxis und Lehre sorgt für eine ständige Rückkopplung. Beobachtungen aus dem Therapiezimmer fließen in Seminare ein, und theoretische Anregungen aus der Forschung bereichern die klinische Arbeit. Kollegen schätzen die Klarheit und die Fähigkeit, schwierige Themen anschaulich zu vermitteln. In der Supervision geht es häufig um die eigenen Schamgefühle und die Verstrickungen in Enactments. Die Supervision wird zu einem Raum, in dem blinde Flecken beleuchtet werden können. Das erfordert Mut und Vertrauen – Eigenschaften, die Tiedemann auch in der Schambearbeitung betont.
Ausbildung und Fortbildung nehmen einen großen Stellenwert ein. Die Verbindung von Theorie, Selbsterfahrung und Supervision ist charakteristisch für die psychoanalytische Tradition. Tiedemann ergänzt sie durch aktuelle Konzepte und körperbezogene Elemente. Das kontinuierliche Lernen ist für ihn selbstverständlich. Die Forschung zu Scham, Trauma und Enactment ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein fortlaufender Prozess. Neue Fallbeispiele, theoretische Anregungen und kollegiale Diskussionen halten die Arbeit lebendig und übertragen sich auf die Studierenden und Kollegen.
Privatleben und öffentliche Wahrnehmung
Obwohl Jens Leon Tiedemann vor allem in Fachkreisen bekannt ist, rückt sein Name gelegentlich auch in der breiteren Öffentlichkeit auf. Der Grund liegt in seiner Ehe mit der Schauspielerin Alexa Maria Surholt, die vielen aus der ARD-Serie „In aller Freundschaft“ vertraut ist. Das Paar ist seit Ende der 1980er Jahre zusammen und heiratete 2016. Mit ihrem Sohn Arthur führen sie ein bewusst geschütztes Familienleben und geben nur selten private Einblicke. Gemeinsame Auftritte bei Premieren oder Benefizveranstaltungen kommen vor, doch der berufliche Fokus bleibt klar auf der therapeutischen und wissenschaftlichen Arbeit.
Diese Zurückhaltung wirkt stimmig und respektvoll. Während die Ehefrau in der Medienöffentlichkeit steht, konzentriert sich Jens Leon Tiedemann auf seine Praxis und Publikationen. Die öffentliche Wahrnehmung seiner Person ist daher eher indirekt. Wer nach Informationen sucht, findet vor allem fachliche Hinweise: die Praxisadresse, die Bücher und die Lehrtätigkeit. Spekulationen über Alter, Wohnorte oder andere Verbindungen werden durch die klar belegbaren biografischen Daten relativiert. Der Schwerpunkt liegt auf dem Werk, nicht auf dem Privatleben.
Diese Balance ist bemerkenswert. In einer Zeit, in der viele Experten auch als Medienpersönlichkeiten auftreten, bleibt Tiedemann der Fachmann, der seine Expertise in Büchern und Seminaren teilt. Das schützt die therapeutische Arbeit und gibt Patienten den Raum, den sie brauchen. Gleichzeitig macht die Verbindung zur Öffentlichkeit neugierig und bringt mehr Menschen mit seinen Themen in Berührung, ohne dass die Privatsphäre unnötig belastet wird.
Einfluss auf die zeitgenössische Psychoanalyse
Der Einfluss von Jens Leon Tiedemann zeigt sich in mehreren Bereichen. Seine Arbeiten zur Scham haben dazu beigetragen, dass dieses Gefühl in der deutschsprachigen Psychoanalyse stärker beachtet wird. Früher oft vernachlässigt oder nur am Rande behandelt, gilt Scham heute als zentrales Thema in der Behandlungstechnik. Die intersubjektive Perspektive öffnet den Blick für Beziehungsmuster und gesellschaftliche Einflüsse. Scham ist nicht nur individuell, sondern auch sozial und kulturell geprägt.
Im Bereich Trauma und Dissoziation liefert er wichtige Anknüpfungspunkte. Die Verbindung von dissoziativer Scham und Traumatisierung hilft, komplexe Symptome besser zu verstehen. Körperpsychotherapeutische Elemente und die Einbeziehung der Polyvagal-Theorie erweitern das Repertoire. In der relationalen Psychoanalyse und den Feldtheorien ordnet sich sein Denken in aktuelle internationale Diskurse ein. Die Beschäftigung mit Enactment macht diese Ansätze für die klinische Praxis konkret nutzbar und hilft Therapeuten, schwierige Situationen als Chancen zu begreifen.
Für Ausbildung und Weiterbildung ist sein Beitrag ebenfalls bedeutsam. Als Lehranalytiker und Dozent prägt er die nächste Generation von Therapeuten. Seminare und Workshops vermitteln nicht nur Wissen, sondern auch eine Haltung: neugierig, reflektiert und beziehungsorientiert. Die Bücher dienen als Nachschlagewerke und Einstiegstexte. Besonders „Scham“ und „Enactment“ werden in Fortbildungen und Supervisionsgruppen gelesen und diskutiert. Die Wirkung geht über die reine Psychoanalyse hinaus. Themen wie Affektregulierung, Anerkennung und die Rolle des Körpers interessieren auch in der Traumatherapie und angrenzenden Feldern.
Bücher und Veröffentlichungen im Überblick
Die Publikationen von Jens Leon Tiedemann bilden das Rückgrat seiner wissenschaftlichen Arbeit. Sie zeichnen sich durch Klarheit, Praxisnähe und theoretische Tiefe aus. Hier eine Übersicht der wichtigsten Werke:
| Titel | Jahr | Verlag / Ort | Schwerpunkt |
|---|---|---|---|
| Die intersubjektive Natur der Scham | 2006 | Dissertation, FU Berlin | Grundlagen der intersubjektiven Scham |
| Die Scham, das Selbst und der Andere | 2010 | Psychosozial-Verlag | Psychodynamik und Therapie von Schamkonflikten |
| Scham | 2013 | Psychosozial-Verlag | Einführung in psychoanalytische Schamkonzepte |
| Dissoziative Scham als Folge von Traumatisierungen | 2021 | Trauma – Zeitschrift für Psychotraumatologie | Scham und Dissoziation nach Trauma |
| Enactment | 2025 | Psychosozial-Verlag | Klinische Relevanz von Enactments |
Diese Übersicht macht die Kontinuität sichtbar. Von der Dissertation bis zum aktuellen Buch zieht sich das Interesse an Beziehung, Affekt und unbewussten Inszenierungen. Ein Zitat aus dem Kontext seiner Arbeit zur Scham verdeutlicht die Haltung: „Scham ist weder im Selbst des Menschen verwurzelt noch geht sie allein aus inneren Konflikten hervor. Vielmehr lässt sie sich als Affekt charakterisieren, in dem sich die intersubjektive Erfahrung des vom Anderen versagten Bedürfnisses nach Anerkennung niederschlägt.“ Solche Formulierungen zeigen die Klarheit und die empirische Verankerung seiner Überlegungen.
Ein weiteres Zitat aus dem Umfeld des Enactment-Konzepts lautet sinngemäß: Trotz bester Absichten verfangen sich Therapeut und Patient in eben jenem relationalen Netz, das sie zu erforschen anregen möchten. Diese Beobachtung macht die Herausforderung und die Chance der therapeutischen Beziehung greifbar. Sie erinnert daran, dass Therapie kein einseitiger Prozess ist, sondern ein gemeinsames Geschehen, in dem beide Beteiligten mit ihrer ganzen Person präsent sind.
Körper und Psyche im therapeutischen Ansatz
Ein Kennzeichen der Arbeit von Jens Leon Tiedemann ist die Integration von Körper und Psyche. Körperpsychotherapeutische Ausbildungen und die Einbeziehung der Polyvagal-Theorie erlauben es, vegetative und muskuläre Reaktionen als Teil des emotionalen Geschehens zu verstehen. Scham zeigt sich oft körperlich: Erröten, Blickvermeidung, Anspannung, Rückzug. Diese Signale werden nicht übersehen, sondern einbezogen und als wertvolle Hinweise genutzt.
Affektregulierung ist eng damit verknüpft. Bei Menschen mit Bindungstrauma ist die Fähigkeit, Affekte zu regulieren, oft eingeschränkt. Die Therapie unterstützt den Aufbau von Regulationsfähigkeiten. Das geschieht in der Beziehung und durch die gemeinsame Aufmerksamkeit für körperliche und emotionale Prozesse. Die relationale Perspektive verbindet diese Elemente. Therapie ist ein gemeinsames Feld, in dem Erfahrungen ko-konstruiert werden. Enactments machen unformulierte Anteile sichtbar. Die Aufgabe besteht darin, sie zu formulieren und neue Beziehungserfahrungen zu ermöglichen. Anerkennung und der anerkennende Blick spielen dabei eine zentrale Rolle.
Dieses integrative Verständnis macht die Arbeit besonders wertvoll. Es vermeidet Einseitigkeiten und öffnet den Blick für die Komplexität menschlicher Erfahrung. Patienten erleben, dass ihre körperlichen Reaktionen ernst genommen werden und nicht als Störung, sondern als Ausdruck innerer Prozesse gelten. Das schafft Vertrauen und eröffnet neue Wege der Bearbeitung.
Aktuelle Perspektiven und Herausforderungen
Die Arbeit mit Scham und Trauma bleibt anspruchsvoll. Scham kann so überwältigend sein, dass Patienten sich zurückziehen oder die Therapie abbrechen. Therapeuten müssen die Balance finden zwischen behutsamem Ansprechen und dem Respekt vor dem Schutzbedürfnis. Tiedemann betont den Takt und den Mut. Ein zu frühes oder zu direktes Thematisieren kann die Scham verstärken. Ein Vermeiden lässt das Thema unberührt und damit wirksam.
Enactments stellen eine besondere Herausforderung dar. Sie ereignen sich unwillkürlich und involvieren den Therapeuten. Die Fähigkeit, sie zu erkennen und zu nutzen, erfordert Selbstreflexion und Supervision. Hier zeigt sich der Wert der dualen Ausbildung und der kontinuierlichen Weiterbildung. Jens Leon Tiedemann modelliert diese Haltung in seiner eigenen Arbeit und in der Lehre. Perspektiven für die Zukunft liegen in der weiteren Integration körperbezogener und relationaler Ansätze. Die Psychoanalyse bleibt lebendig, wenn sie sich öffnet und neue Erkenntnisse aufnimmt. Themen wie Affektregulierung, Dissoziation und die Rolle des Körpers werden weiter an Bedeutung gewinnen.
Auch die gesellschaftliche Dimension von Scham verdient Aufmerksamkeit. Scham entsteht nicht nur in frühen Beziehungen, sondern wird durch kulturelle Normen und soziale Strukturen verstärkt. Eine intersubjektive Sichtweise hilft, diese Zusammenhänge zu verstehen und therapeutisch zu nutzen. Patienten können lernen, Scham nicht nur als persönliches Versagen zu erleben, sondern als Signal in einem größeren Beziehungs- und Gesellschaftskontext. Die Bücher und Seminare von Tiedemann bieten dafür solide Grundlagen und laden zur weiteren Auseinandersetzung ein.
Fazit
Jens Leon Tiedemann hat mit seiner Arbeit einen wichtigen Beitrag zur zeitgenössischen Psychoanalyse geleistet. Seine Forschungen zu Scham, Trauma und Enactment verbinden theoretische Tiefe mit praktischer Relevanz. Die Integration von Körper und Psyche, die Betonung der intersubjektiven Dimension und die klare Sprache seiner Texte machen sein Werk zugänglich und anregend. In der Praxis in Berlin-Kreuzberg, in der Lehre und in den Publikationen zeigt sich eine Haltung, die neugierig, reflektiert und beziehungsorientiert ist.
Die Zurückhaltung im Privaten und der klare Fokus auf die fachliche Arbeit unterstreichen die Glaubwürdigkeit. In einer Zeit, in der mentale Gesundheit an Bedeutung gewinnt, bleiben seine Überlegungen aktuell und hilfreich. Ob als Einstieg in das Thema Scham oder als Vertiefung der Arbeit mit Enactments – die Schriften und die Lehre von Jens Leon Tiedemann bieten Orientierung und Anregung. Sein Werk lädt dazu ein, die eigenen Beziehungsmuster und die eigenen blinden Flecken genauer zu betrachten und dabei mutig und taktvoll zugleich vorzugehen.
FAQ
Wer ist Jens Leon Tiedemann?
Jens Leon Tiedemann ist ein deutscher Psychotherapeut, Psychoanalytiker und Körperpsychotherapeut, der in Berlin-Kreuzberg eine Praxis führt. Er hat sich besonders durch seine Forschungen und Bücher zu Scham, Trauma und dem Konzept des Enactment einen Namen gemacht und ist zudem als Lehranalytiker und Dozent tätig.
Was sind die wichtigsten Bücher von Jens Leon Tiedemann?
Zu den zentralen Werken gehören die Dissertation „Die intersubjektive Natur der Scham“ (2006), „Die Scham, das Selbst und der Andere“ (2010), „Scham“ (2013) und das 2025 erschienene Buch „Enactment“. Diese Texte behandeln Schamkonflikte, intersubjektive Dynamiken und die klinische Bedeutung unbewusster Inszenierungen in der Therapie.
Wo praktiziert Jens Leon Tiedemann?
Die Praxis von Jens Leon Tiedemann befindet sich in Berlin-Kreuzberg in der Mittenwalder Straße 47. Dort arbeitet er seit über zwanzig Jahren als niedergelassener psychologischer Psychotherapeut, Psychoanalytiker und Körperpsychotherapeut.
Welche Themen stehen im Mittelpunkt der Arbeit von Jens Leon Tiedemann?
Im Zentrum stehen Scham als intersubjektives Phänomen, Traumafolgen, Dissoziation, Affektregulierung und das Konzept des Enactment. Außerdem spielt die Rolle des Körpers in der Psychoanalyse eine wichtige Rolle, ebenso relationale und psychoanalytische Feldtheorien.
Ist Jens Leon Tiedemann auch in der Öffentlichkeit präsent?
Jens Leon Tiedemann hält sich beruflich eher im Hintergrund und konzentriert sich auf Praxis, Lehre und Publikationen. Öffentliche Aufmerksamkeit entsteht vor allem durch seine Ehe mit der Schauspielerin Alexa Maria Surholt, doch das Familienleben wird bewusst geschützt und private Einblicke bleiben rar.